Im FSJ gelernt: zu viel Spielzeug killt Fantasie

Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich aus den Dingen etwas zu machen.“  (Thomas Mann) Das wird mir Tag für Tag bei meinem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Kindertagesstätte Elfriede Westphal Misburg deutlich gezeigt. Das Konzept der KiTa besagt: spielzeugreduziertes Arbeiten, sodass die Kinder nicht mit Spielzeugangeboten überfordert werden, sondern die reale Chance haben, von ihrer Fantasie Gebrauch zu machen. So entstehen täglich die spannendsten Rollenspiele, in die ich mich liebend gerne mit einbinden lasse.

Hallo ihr Lieben, obwohl diese Arbeitswoche durch den Feiertag und interne Studientage verkürzt war, habe ich doch eine Menge erlebt. Vor allem die zuvor erwähnte Bedeutung von Rollenspielen im  Kontrast zu der Ich-Wahrnehmung beschäftigten mich.

Seit ein paar Wochen führen wir mit den Kindern das „Ich-bin-Ich-Projekt“ durch, bei dem es  um die Selbstwahrnehmung geht. Die Kinder sollen sich, ihren Körper und ihre Vorlieben durch verschiedene kleine Aktionen besser kennenlernen. Dafür wurde für jedes Kind eine eigene Mappe angelegt, in der alle Bilder und Fotos vom Kind selbst eingeheftet werden. Die Mappen liegen in den Gruppen in einem Korb und sind jederzeit frei zugänglich zum Durchblättern. Dienstag haben der FSJler der Katzengruppe und ich mit unserem Element des Projektes angefangen – einem kindergerechten Steckbrief, den sie gemeinsam mit uns für ihre Mappe ausfüllen. Dabei wurden die unterschiedlichen Levels der Kinder deutlich. Einige waren sich ihrer Daten und Vorlieben sehr bewusst, griffen bei der Lieblingsfarbe zielsicher in die Stiftekiste und konnten ihren Namen auch schon selber schreiben. Andere brauchten noch mehr Unterstützung, konnten sich nur schwer oder gar nicht für ein Lieblingsessen entscheiden oder machten gar den Eindruck, als wäre es ihnen unangenehm, Bestimmtes preiszugeben und auszumalen. Total interessant fand ich den Part, in dem sie versuchen sollten, ein kleines Portraitfoto von sich zu zeichnen. „Ich brauch gelb für meine blonden Haare!“ oder „Meine Augen sind grün, genau wie deine!“  führten zu wirklichkeitsgetreuen kleinen Zeichnungen. Andere Kinder malten bunte Kreise und ordneten Augen, Nase und Mund willkürlich an. Sicherlich hat dies auch einiges mit dem Alter zu tun, aber so erlangte ich noch einen tieferen Blick in die Gedankenwelt der einzelnen Kinder. Es wurde deutlich, wie gut sich die einzelnen Kinder selbst wahrnehmen.

Im Kontrast dazu stehen die Rollenspiele des Kindergartenalltags, auf die sich alle Kinder, unabhängig von Alter oder Geschicklichkeit, einlassen. Es entstehen, vor allem auf dem Außengelände, die buntesten Konstellationen und Rollenbesetzungen, die teilweise ein paar Tage anhalten. Besonders beliebt ist das „Mutter-Vater-Kind-Spiel“, bei dem auch schon mal das kleine Mädchen den Papa und der größere Junge die Rolle der Mama übernimmt. Diesen Montag und Dienstag spielte ich die Mama von vier kleinen „Babies“, die ich schlafen legen musste, zur Toilette bringen und füttern. Es hat mich begeistert, mit welcher Hingabe die vier ihren Rollen nachgekommen sind. „Mama guck mal, ich kann schon stehen!“  hieß es, als sie sich nacheinander an Büschen hochzogen und mich anstrahlten. Es macht unglaublichen Spaß, in diese Spiele mit einzusteigen, und ich bin währenddessen auch mit Leib und Seele dabei. Ich gab „meinen Babies“ Montag neue Namen, die sie sogar Dienstag alle noch wussten und weiterverwendeten.  Am nächsten Tag hatte ich dann bereits sieben kleine Babies die nach ihrer Mama verlangten. Als ich in die Pause ging musste dann der zweite FSJler einspringen, aber nicht als Mama, sondern, kreativ wie die Kleinen sind, als der Kindergärtner…

Als ich Dienstag gerade mal nicht in einem Rollenspiel vertieft war, hatte ich mein erstes Reflexionsgespräch mit meiner FSJ-Anleiterin. Diese Gespräche finden einmal im Monat statt, damit wir FSJler eine Rückmeldung bekommen, uns selbst reflektieren und uns monatliche Lernziele setzen können. Ich war zunächst total aufgeregt und hatte auch etwas Angst. Kritik ist wichtig und förderlich, aber trotzdem hört keiner gerne, dass er etwas falsch macht. Als meine Anleiterin dann mit etwas Positivem anfing war ich total erleichtert. Sie fing an zu schmunzeln und sprach von meiner ausdrucksstarken Mimik, wenn ich draußen mit den Kindern im Rollenspiel sei und dass sie mich dabei unglaublich gerne beobachte, da sie an meinem Gesichtsausdruck von Weitem erkennen könne, welche Rolle ich gerade spiele. Das hatte ich vorher immer total unbewusst getan und fühlte mich somit beinahe ertappt, doch andererseits auch sehr gut mit dieser ersten Rückmeldung. Desweiteren lobte sie meine Beobachtungsgabe und Kreativität, die ich gerne noch weiter ausbauen könne. Ich habe beispielsweise am Freitag spontan mit einzelnen Kindern in der Kreativecke der KiTa gearbeitet. Nachdem ich mich dort umgeschaut hatte und mir Tusche und Wolle auffielen, erstellte ich damit einen Löwen als Vorlage, den ich dann nach und nach mit einigen meiner Igelkinder nachbastelte. Solche kleinen kreativen Projekte könne ich gerne öfter in Angriff nehmen.

Als Lernziele haben wir mir zwei Sachen gesetzt. Zum einen solle ich auch in der Gruppe mehr mit ins Rollenspiel gehen. Da hatte ich mich zuvor noch öfters etwas zurückgehalten, da die Anzahl der Kinder dort geringer ist als draußen, wenn beide Gruppen aufeinander treffen. Ich hatte das Gefühl, deren Spiel in der Gruppe nicht stören zu sollen, doch meine Anleiterin motivierte mich im Reflexionsgespräch, mich einfach mit auf den Boden zusetzen oder durch die Hochebene zu krabbeln. Wenig später setzte ich dies auch schon um und siehe da: es funktionierte! Die Kinder banden mich sofort mit ein. Zum anderen solle ich erzieherische Aspekte ruhig öfter abgeben und mich meinem „FSJler-Dasein“ hingeben.

Insgesamt bin  ich mit meinem ersten Reflexionsgespräch mehr als zufrieden und freue mich schon wieder auf den Kindergartenalltag nächste Woche. Donnerstag nehmen wir an einem „Erste-Hilfe-Kurs am Kind“ teil und Freitag haben wir nochmal einen internen Studientag. Ich bin gespannt, was da so alles passieren wird! Liebste Grüße, Michelle 🙂

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