Wir wollen Geld für’s studienintegrierte Praktikum! (28.10.13)

Wer Soziale Arbeit studiert, muss ein mehrmonatiges, studienintegriertes Praktikum machen. Dabei setzt man sich für Menschen ein und erntet Dankbarkeit – schön und gut. Aber wie sieht es mit der Bezahlung aus? Die Mitglieder des  Netzwerks Prekäres Praktikum fordern bessere Bedingungen während des Praktikums. Unsere Praktikantin Laura hat darüber mit Netzwerkmitglied Hannes gesprochen.

HannesHannes, welche schlechten Bedingungen kritisiert ihr denn beim studienintegrierten Praktikum?

Dieses studienintegrierte Praktikum ist ein Vollzeitjob, aber oft nicht oder sehr schlecht bezahlt. Das führt zu einer prekären Lebenssituation der Studierenden: Wenn man nebenbei jobben muss, um den Lebensunterhalt zu verdienen, geht man von der Arbeit zur Arbeit und kommt auf 60 Stunden die Woche. Ich hatte eine Kommilitonin, die regelmäßig Nachtschichten gemacht hat – fünf Monate lang! Das Netzwerk Prekäres Praktikum ist ein offener Zusammenschluss der drei Berliner Hochschulen, an denen man soziale Berufe studieren kann. Beim Netzwerk treffen sich Studierende, setzen sich für ihre Interessen ein und beschäftigen sich ganz besonders mit der Situation des studienintegrierten Praktikums. Gerade  planen wir eine Umfrage unter Studierenden dazu.

Du studierst selbst Soziale Arbeit und hast das Praktikum schon hinter dir. Warum engagierst du dich beim Netzwerk Prekäres Praktikum? 

Ich selbst habe kein Geld bekommen in meinem Praktikum, bekomme aber BAföG. Es hat gereicht, dass ich mich ernähren und meine Miete bezahlen konnte. Aber es gibt Kommilitonen, die noch Kinder haben, die alleinerziehend sind und die nicht neben dem Praktikum arbeiten können. Für die ist das eine Extrembelastung. Die haben auch keine Zeit, sich politisch dafür einzusetzen, dass sich was verändert. Unbezahlte Praktika sind ein Skandal und da muss etwas unternommen werden!

Nun sind fünf Monate eine überschaubare Zeit, die man finanziell überbrücken könnte…

Es gibt schon Möglichkeiten. Man kann einen Kredit aufnehmen. Der eigentliche Skandal ist aber, dass da eine wertvolle Arbeit gemacht wird. Studierende gehen in Arbeitsfelder, wo sie intensiv mit Menschen arbeiten. Sie lernen dort viel und entwickeln ihre Professionalität weiter. Aber sie leisten auch einen wertvollen Beitrag, der in keiner Weise anerkannt und vergütet wird. Die Wertschätzung sozialer Berufe muss schon in der Ausbildung beginnen. Es kann nicht sein, dass Studierende billige Arbeitskräfte sind oder Arbeitskräfte ersetzen und am Ende noch einen Kredit zurückzahlen müssen.  Praktikumsstipendien sind so rar, dass diese Möglichkeit für die meisten Studierenden auch nicht in Frage kommt. Deswegen muss eine grundsätzliche Lösung her.

Es gibt viele Bereiche, in denen es unbezahlte Pflichtpraktika gibt. Warum sollte das in sozialen Berufen anders sein?

Ich finde es spannend, dass es das noch gibt, dass Praktika nicht bezahlt werden. In der Ausbildung vergütet zu werden ist eigentlich etwas ganz Normales. Auch FSJler oder Bundesfreiwilligendienstleistende, die gar nicht ausgebildet sind, bekommen Geld. Dort wird sichergestellt, dass sie leben können. Da ist das Praktikum in sozialen Berufen tatsächlich eine Lücke.

Wieso entscheidet man sich dann nicht gleich gegen einen sozialen Beruf?

Soziale Berufe sind was unglaublich Tolles! Wenn man sich für Menschen interessiert und wenn man sich mit Menschen auseinandersetzt, die ganz anders sind als man selbst. Wenn man sie unterstützen kann, Herausforderungen oder Krisen zu meistern, ist das ein unglaublich genialer Job. Es gehört aber auch viel dazu: an Frustrationstoleranz, an Selbstüberwindung, auch sich selbst und strukturelle Probleme zu hinterfragen.  Trotz prekärem Praktikum ist Soziale Arbeit ein außergewöhnlicher Beruf, der mich begeistert.

Ok, das überzeugt. Wie kann ich euch beim Netzwerk Prekäres Praktikum helfen?

Ganz verschiedene Dinge! Hier sind einige Ideen:

  • Engagiere Dich in einer unserer AGs (AG Öffentlichkeitsarbeit, AG Lobby, AG Forschung, AG Aktion/Veranstaltung)!
  • Wir brauchen immer wieder HelferInnen Konkret: am 10. November brauchen wir 35 Leute, die die Eingabe unserer Umfragedaten unterstützen.
  • Schreibe deine Abschlussarbeit zum Thema prekäres Praktikum. Je mehr Argumente, Fakten, Veröffentlichungen zu dem Thema erscheinen, desto stärker wird unsere Position.
  • Berichte aus deinem Alltag im Praktikum für unseren Blog. Wir wollen prekären Lebenslagen von Studierenden ein Gesicht und eine Stimme geben.!
  • Like bei Facebook die Seite vom Netzwerk Prekäres Praktikum.  Zeigt, dass wir viele sind!
  • Frag bei der Suche nach Praktika selbstbewusst nach Vergütung!
  • Rede über Gehälter in sozialenBerufen.
  • Informier und organisiere dich in einer Gewerkschaft und Berufsverband. Wir müssen uns für Anerkennung von sozialen Berufen stark machen.
  • Macht bezahlte Praktikumsstellen bekannt! Wir sammeln und veröffentlichen Praktikumsstellen die ihre PraktikantInnen bezahlen auf unserer Homepage.

Vielen Dank, Hannes! Mehr Infos zum Netzwerk Prekäres Praktikum hier. Wenn ihr Soziale Arbeit in Berlin studiert, könnt ihr mitmachen! Wenn ihr woanders studiert, könnt ihr nach diesem Vorbild euer eigenes Netzwerk gründen und dazu gerne Kontakt zum Netzwerk Prekäres Praktikum aufnehmen !

Azubine Maja

Veröffentlicht von

34 Jahre alt, Referentin Jugendkommunikation Online beim DW EKD

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde die Ausbildungssituation in (vielen) sozialen Berufen richtig gruselig. Die Ausbildung muss zum Großteil aus der eigenen Tasche finanziert werden und im Beruf ist die Bezahlung zumeist auch nicht sonderlich gut. Zudem hat man dann noch einen Bildungskredit o.ä. abzuzahlen. Mal abgesehen von der körperlichen Belastung. Da muss was dran getan werden.

  2. Azubine Maja

    Hi Henrik, also da müssen wir mal ein bisschen was aufklären:
    Erstens sind es nicht nur soziale Berufe, die als „schulische Ausbildung“ angeboten werden, für die man Schulgeld bezahlen muss. Auch kreative Berufe, technische Berufe und viele andere werden als „schulische Ausbildung“ angeboten:
    http://www.arbeitsagentur.de/nn_510404/Navigation/zentral/Buerger/Ausbildung/Berufsausbildung/Schulische-Ausbildung/Schulische-Ausbildung-Nav.html
    Zweitens gibt es auch viele soziale Berufe, in denen man eine Ausbildungsvergütung bekommt, z.B. Altenpfleger, Krankenpfleger, Hebamme, Hauswirtschafter, etc.
    Drittens gibt es ganz viel Unterstützung bei der Finanzierung einer Ausbildung:
    http://www.soziale-berufe.com/inhalt/wie-finanziere-ich-meine-ausbildung.html
    Viertens muss man ein Studium ja auch selber finanzieren, also das ist nichts Ungewöhnliches.
    Fünftens verdient man in vielen Berufen weniger als in den sozialen Berufen, z.B. Friseur.
    Und ganz zuletzt: Wer wirklich einen sozialen Beruf machen möchte, lässt sich durch etwaige Hindernisse und Herausforderungen nicht abschrecken. Der macht das aus Überzeugung, weil er Menschen helfen möchte, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft machen möchte…
    LG, Maja von SOZIALE BERUFE kann nicht jeder

    • Klar, es gibt immer Menschen, denen es viel, viel schlechter geht, aber damit zu argumentieren kann auch nicht die Lösung sein.
      Ich hab selbst Soziale Arbeit studiert. Zum Glück ohne Bafög. Mein Freund hat 10 000 Euro Bafögschulden (auch Sozialarbeiter) und verdient extrem wenig.
      Er kann sich nicht einmal ein Auto leisten, das er bräuchte, um die Klienten umherzufahren. Bei den heutigen prekären Bedingungen kann man nur jedem abraten einen sozialen Beruf zu ergreifen.

  3. Hi,

    Maja du hast schon recht, aber es ist doch auch Mist, dass sich viele kompetente Leute oder vielleicht auch insbesondere Männer/Alleinerziehende aus finanziellen Gründen gegen den Beruf entscheiden. Oder wenn sie eben trotzdem aus dem Willen zum Helfen heraus so einen Beruf ergreifen, dann finanzielle Engpässe in Kauf nehmen. Wenn das so bleibt geht uns viel Potential verloren. Und gerade WEIL soziale Berufe nicht jeder kann, müssen sie besser bezahlt werden, denn sonst hat man weiterhin dieses „ach ja so ein bisschen reden, pflegen, Haushalt machen kann doch jeder“-Bild.

    Dass es auch einen Niedriglohn geben muss, ist doch ein anderes Thema.

    Liebe Grüße 🙂

    • Azubine Maja

      Hi Kikki, ja, das stimmt wohl! Ich wollte nur sagen, dass man es nicht so einseitig sehen und sich vor Klischees vorsehen sollte. LG zurück! Maja

  4. Ich habe auch ein 6 monatiges Praktikum in der sozialen Arbeit hinter mir. Ich machte die gleiche Arbeit wie mein Anleiter und leistete zusätzlich Überstunden ab. Bekommen habe ich keinen Cent. Es war allein wahnsinnig schwer an dieses Praktikum zu kommen. Obwohl ich nicht einmal bezahlt wurde. Ich habe selten einen so schlecht bezahlten Beruf erlebt. In kürze beende ich mein Studium mit dem Bachelor. Ob ich je als Sozialarbeiterin arbeite steht derzeit noch in den Sternen, da ich mich bereits nach einer Alternative umsehe.

    • Azubine Maja

      Hi Jessy, es tut uns sehr leid, dass du diese Erfahrung machen musstest! Bitte verliere nicht den Mut! Hier haben wir Infos für dich, wie der Berufseinstieg in die Soziale Arbeit klappt, damit du hinterher auch einen ordentlich bezahlten Arbeitsplatz bekommst: https://blog.soziale-berufe.com/2014/06/02/so-gelingt-der-berufseinstieg-in-die-soziale-arbeit-2-6-14/. Außerdem könntest du dich ja auch spezialisieren/weiterbilden (mit einem Masterstudium oder einer Zusatzquali wie Heilpädagogik oder Erlebnispädagogik), um dich von den anderen Sozialarbeitern abzuheben. Denn genau das ist das Problem: Dieser Studiengang ist sehr überlaufen. Viel Glück wünscht dir: Maja und das Team von „SOZIALE BERUFE kann nicht jeder“

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