„Sozialarbeit muss erkennen, wann Religion für Menschen in der Krise eine Hilfe sein kann“

Ab Wintersemester 2018/19 bietet die Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg den neuen berufsintegrierenden Bachelor-Studiengang „Soziale Arbeit & Diakonie“ mit fünf Vertiefungsrichtungen an. Die Studiengangskoordinatorinnen Prof. Dr. Gabriele Schmidt-Lauber und Anneke Wiese erklären, was das Besondere daran ist.

Der neue Studiengang ist berufsintegrierend, was bedeutet das?

Wiese: Berufsintegrierend bieten wir Soziale Arbeit schon seit einigen Jahren an, weil es einen großen Bedarf gibt, sich in der sozialen Praxis weiterzuqualifizieren oder sich als Quereinsteiger*in mit einer fachfremden Erstausbildung nachzuqualifizieren. Und bei uns können diese Personen das Studium parallel zu und verschränkt mit ihrer Berufstätigkeit absolvieren.

Schmidt-Lauber: Berufsintegrierend bedeutet, dass  man nicht nur irgendwie neben dem Studium berufstätig ist wie beim berufsbegleitenden Studium, sondern, dass der Praxis-Theorie-Transfer im Mittelpunkt steht. Die Studierenden erzählen aus der Praxis und wir reflektieren und theoretisieren das im Seminar. Oder umgekehrt: Die Studierenden bekommen von uns die Aufgabe, eine Theorie, die wir behandelt haben, in der Praxis zu beobachten, zu erproben und zu reflektieren.

Wiese: Das kann zu Krisen führen, zum Beispiel, wenn die Studierenden etwas, was sie jahrelang auf eine bestimmte Weise gemacht haben, plötzlich hinterfragen. Und wenn sie dann auch die anderen Kolleg*innen im Team zum Umdenken bewegen wollen. Aber das begleiten wir und genau an der Stelle entfaltet sich das Potential des berufsintegrierenden Studiums, weil es neue Perspektiven schafft und die Praxis weiterentwickelt.

Was ist der neue Aspekt an Ihrem Konzept mit den fünf Vertiefungsrichtungen?

Wiese: Bisher gab es im Rauhen Haus drei separate berufsintegrierende Studiengänge Soziale Arbeit mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Man musste sich für einen entscheiden. Nun haben wir diese drei Studiengänge unter einem gemeinsamen Dach integriert. Das Studium „Soziale Arbeit & Diakonie“ ist der Ausgangspunkt, alle Studierenden absolvieren die generalistischen Module. Dann wählen sie eine der Vertiefungsrichtungen „Kindheit, Jugend und Familie“, „Migration und Flucht“, „Behinderung und Teilhabe“, „Gesundheit“ oder „Religionssensible Soziale Arbeit“.

Schmidt-Lauber: Für die Studierenden hat das mehrere Vorteile: Wir können jedes Modul nun dreimal statt nur einmal pro Jahr anbieten, sodass sie flexibler bei der Stundenplangestaltung sind. Und sie müssen sich nicht vor Beginn des Studiums entscheiden, wo sie ihren Schwerpunkt setzen möchten.

Eine weitere Besonderheit Ihres Studiengangs ist die intensive Beschäftigung mit dem Thema Religion…

Schmidt-Lauber: Ja, aber es geht dabei nicht um eine „Elfenbeinturm-Theologie“. Religionssensibilität ist ein wichtiges Thema. Studien belegen, dass zwar die Relevanz der institutionellen Religion zurückgeht, die Leute also aus der Kirche austreten, aber ganz persönlich trotzdem einen Zugang zum Glauben haben. Dazu kommt die Zuwanderung von Muslim*innen Beim Umgang mit Religion in der Sozialarbeit geht es aber nicht nur darum, Konflikte zwischen Menschen mit unterschiedlichen Religionen zu schlichten. Es geht vor allem darum, die leisen Anzeichen dafür zu erkennen, wenn Religion für einen Menschen in der Krise eine Hilfe sein kann. Und ihnen dann die Möglichkeit zu geben, darüber zu sprechen. Bei einer Umfrage unter den jungen Bewohner*innen unserer Einrichtungen der Jugendhilfe haben wir herausgefunden, dass das viel häufiger der Fall ist als man denkt. Darum beschäftigen sich alle unsere Studierenden in den Basismodulen mit dem Thema Religiosität. Es gibt darüber hinaus aber die Möglichkeit, weitere Module zu belegen und Prüfungen zu absolvieren, um neben dem Bachelor Soziale Arbeit einen zweiten Berufsabschluss als Diakon*in zu erwerben. Wenn man sich dann noch für die Vertiefungsrichtung „Religionssensible Soziale Arbeit“ entscheidet, bekommt man noch mehr Einblicke.

Nicht zuletzt gibt es noch die so genannten Forschungswerkstätten. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wiese: An anderen Hochschulen werden derzeit ähnliche Projekte aufgezogen, aber wir haben seit vielen Jahren Erfahrung mit Forschungswerkstätten. Das bedeutete, dass unsere Studierenden im Laufe ihres Studiums einen gesamten Forschungsprozess durchlaufen. Im ersten Semester entwickeln sie praxisbezogene Fragestellungen, die sie gerne in der Gruppe erforschen möchten, später entwickeln sie ein Forschungsdesign. Meist werden Methoden der qualitativen Sozialforschung genutzt. Dann gehen sie ins Feld und erheben Daten, um am Ende ihre Erkenntnisse schriftlich festzuhalten. Manchmal entsteht daraus dann auch eine Bachelorarbeit.

Können die Absolvent*innen Ihres Studiengangs in allen Feldern der Sozialen Arbeit einen Job finden oder nur in dem Feld, das sie als Vertiefungsschwerpunkt gewählt haben?

Wiese: Die Absolvent*innen können in allen Feldern der Sozialen Arbeit arbeiten. Sie haben einen ganz normalen Bachelor Abschluss der Sozialen Arbeit und erwerben zudem die staatliche Anerkennung als Sozialpädagog*in/Sozialarbeiter*in.

Text: Diakonie/Maja Schäfer

Weitere Infos:

Infos zum Studiengang auf der Webseite der Ev. Hochschule des Rauhen Hauses https://www.ev-hochschule-hh.de/studienangebot/neu-bachelor-soziale-arbeit-diakonie-berufsintegrierend/
Zugangsvoraussetzungen: https://www.ev-hochschule-hh.de/studienangebot/neu-bachelor-soziale-arbeit-diakonie-berufsintegrierend/zulassungsvoraussetzungen/

Azubine Maja

Veröffentlicht von

34 Jahre alt, Referentin Jugendkommunikation Online beim DW EKD

Schreibe einen Kommentar