Jugendmigrationsdienst: „Meine Zukunft ist hier“

Fast hätte sie die Schule geschmissen, jetzt studiert Gülistan Soziale Arbeit und hat sich damit selbst überrascht. Wegbegleiter dabei war der Jugendmigrationsdienst des Diakoniewerks Simeon in Berlin-Neukölln.

Als Gülistan mit 11 Jahren in Berlin ankommt, fühlt sie sich fremd und nicht willkommen: „Ich wollte nicht in Deutschland leben. Ich wollte zurück nach Kurdistan“. Heute, 14 Jahre später, studiert die hübsche, selbstbewusste junge Frau Soziale Arbeit in Berlin. Wenn sie zurückblickt, ist sie stolz: „Die Zulassung zum Studium war das größte Erfolgserlebnis für mich. Ich habe mich gefreut und war ehrlich gesagt auch überrascht“, erinnert sie sich.

„Du mit deiner krummen Adlernase“

Überrascht deshalb, weil es zu Beginn sehr düster aussah. Nachdem sie den Vater in der Heimat verloren hatte, floh Gülistan mit ihrer Mutter und den Geschwistern aus Nordkurdistan in der Türkei nach Deutschland. Hier galt es, eine Menge Hürden und Enttäuschungen zu überwinden. Nach der Diskriminierung in der Türkei erlebte sie auch in Deutschland Ausgrenzung: „Du mit deiner krummen Adlernase, da sieht man ja sofort, dass du Kurdin bist“. In der Schule wurde Gülistan aufgrund ihrer Herkunft von anderen Kindern gehänselt. „Ich konnte mich gar nicht richtig verteidigen, weil ich noch nicht Deutsch sprach“, erinnert sich die 25-jährige Studentin.
Hätte Gülistan nicht Sukriye Dogan kennengelernt, hätte sie wahrscheinlich aufgegeben und die Schule abgebrochen. Sukriye Dogan, Leiterin des Jugendmigrationsdienstes des Diakoniewerks Simeon in Berlin-Neukölln, begleitete zum Beispiel Gülistans Mutter auf Elternabende, übersetze für sie und half ihr, sich für ihre Tochter einzusetzen.

Gülistan macht als Ehrenamtliche anderen kurdischen Jugendlichen Mut

Statt von Hilfsjob zu Hilfsjob Schritt für Schritt zur Ausbildung

Besonders intensive Unterstützung bekam Gülistan über den Jugendmigrationsdienst (JMD), eine Anlaufstelle für junge Migrantinnen und Migranten im Alter zwischen 12 und 27 Jahren. Ziel des JMD ist, den Jugendlichen eine langfristige Perspektive aufzuzeigen. „Manche wollen nicht mehr die Schulbank drücken“, berichtet Sukriye Dogan, „Wir versuchen, sie zu einem besseren Schulabschluss und zu einer guten Ausbildung zu ermutigen, damit sie sich nicht von Hilfsjob zu Hilfsjob zu hangeln müssen“. Ihre Erfahrung: „Man muss länger dran bleiben. Dann erreicht man Schritt für Schritt kleine Ziele.“
Sukriye Dogan, selbst Tochter eines Gastarbeiters aus der Türkei, sah im Fall von Gülistan das Potenzial, das in der jungen Frau steckte. Sie wurde Gülistan zum Vorbild und ermutigte sie: „In der Beratung des Jugendmigrationsdienstes hatte ich das Gefühl, dass man mich versteht“, sagt Gülistan heute. Sie bekam Nachhilfe vermittelt, schaffte den Mittleren Schulabschluss und dann das Fachabitur. „Ich konnte an vielen tollen Projekten und Workshops von Stiftungen teilnehmen, die der JMD vermittelt hatte und bekam Sprachkurse und tatkräftige Hilfe und Motivation beim Bewerbungsmarathon für eine Ausbildung und Studium“, erzählt sie. „In der heißen Phase konnte ich sogar zwei- bis dreimal die Woche in die Beratung kommen.“

Heute ist sie freiwillig engagiert und politisch aktiv

„Wenn ein Weg nicht klappt, dann suchen wir eben einen anderen. Klar gibt es immer Schwierigkeiten, aber es gibt auch Chancen.“ Das, was Gülistan in der Beratung vermittelt wurde, gibt sie heute weiter. Sie arbeitet ehrenamtlich mit kurdischen Jugendlichen und engagiert sich politisch. Fragt man Gülistan heute, ob sie irgendwann in ihre Heimat zurückkehren will, verneint sie: „Ich fühle mich wohl in Deutschland. Meine Zukunft ist hier.“

Text: Diakonie/Stephanie Häfele

Weiterführende Links:

Portal aller Jugendmigrationsdienste bundesweit

In English: Gülistan’s Story in a Publication by Eurodiaconia about Migrants in Europe

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