Hannahs Blog: Brief an Joshi

Von Schokopudding-Tricks und Training im Headbangen – Joshi war echt ein ganz besonderer Patient. „Bitte bleib’ – nicht!“ Ein Brief an einen Patienten, der uns wortlos für sich gewann und uns sprachlos machte.

Lieber Joshua*,
bevor ich dich zum ersten Mal sah, war mir fast, als ob man mich vor dir warnte. Du sähst „anders“ aus, erklärte man mir. Vielleicht aus Angst ich würde rückwärts das Zimmer verlassen, wenn ich deinen Kopf – Format XXL – erblickte. Dabei hast du doch so tolle Locken!
Gehört von dir hatte ich schon lange bevor du kamst. Aber dein Auftritt war im geruchsintensivsten Sinne des Wortes überwältigend. Deinen Beckenbeingips, den man dir vor zwei Wochen anlegte, hattest du noch immer. Von seinem Originalzustand, war allerdings nichts mehr übrig. Vielleicht hätte man mich eher vor dem Geruch des fäkalienverschmierten Gips warnen sollen, als vor deinem Aussehen.

Kein Topmodel-Look
Obwohl – zugegebenermaßen du sahst nicht gut aus. Nimm‘ es nicht persönlich. Dein Aussehen verbesserte sich mit jedem Tag, den du bei uns verbrachtest. Aber ehrlich, deine Augen waren rot und trocken. Deine Lippen schienen sich in sich selbst zu zerbröseln und in deinem Mund labte sich noch am Frühstück von vorgestern. Ich weiß, du kannst dir nicht selbst die Zähneputzen. Aber trotzdem hatte man dich definitiv nicht zum „Topmodel Look“ gepflegt. Ganz zu schweigen von den Dekubiti, den Druckstellen, die der Gips bei dir verursacht hatte. Aber dafür kann ja niemand etwas.

Gips-Grusel
Den Dekubiti zum „Dank“ bekamst du zunächst keinen neuen Gips. Stattdessen stabilisierten wir deine Beine mit Schalen, denn deinen Gips hättest du eigentlich noch eine kleine Ewigkeit tragen müssen. Jetzt warst du das miese Ding los, dass deine Beine, von der Zehenspitze bis zum Beckenkamm, ruhig gehalten hatte. Bewegen würdest du dich für die nächsten Wochen trotzdem nicht großartig. Wie uns das beinahe tägliche Blutsaugen mit der Spritze verriet, waren deine Blutwerte gruselig. Grund dafür war eine Wundheilungsstörung, die eine operative Wundrevision nötig machte.

Schleckermaul hasst Mittagessen
Unsere Mission war es, dich bestmöglich mit Nährstoffen zu versorgen, um dein Genesen zu unterstützen. Zu Beginn gaben wir dir angedicktes, später auch flüssiges Wasser und stark pürierte Kost.
Dir Essen anzureichen war durchaus eine lustige Angelegenheit – manchmal  triebst du mich zur Verzweiflung. Besonders das herzhafte Mittagessen verweigertest du häufig. Wenn dir etwas nicht schmeckte, zeigtest du uns das deutlich, denn du kannst zwar nicht sprechen, aber sehr wohl kommunizieren. Zuerst schobst du die Lippe vor, bis kein Vordringen mit dem Löffel in deinen Mund mehr möglich war. Wenn wir nicht aufgaben, begannst du heftig den Kopf zu schütteln. Du elendiger Feinschmecker! Dachten wir – bis wir herausfanden, dass du einfach nur ein Zuckerschlecker warst. Grießbrei, Milchsuppe und Schokopudding waren dein Leibgericht. Aber natürlich wussten wir dich auszutricksen. Den nächsten Spinat gab es einfach mit ein bisschen Pudding auf dem Löffel und schon sperrtest du den Mund weit auf.

Headbangen im Luxus-Spa
Wie versprochen, sahst du jeden Tag etwas besser aus. Mit geputzten Zähnen, eingecremten Lippen und gekämmten Haaren hätten wir dich gern nachhause geschickt Aber leider verbesserten sich deine Blutwerte nur langsam, deine Laune dafür umso mehr.
Einmal, unsere liebe Putzfee schwebte gerade durch dein Zimmer, begannst du, dich schlapp zu lachen. Sie war an deinem Begleiter, dem Infusionsständer, hängen geblieben, der nun klappernd über den Boden rollte. Dein Lachen war anders, genau wie du, versprühte dafür aber umso mehr Freude.
Ein anderes Mal lief das Radio. Du bewegtest deinen Kopf wie wild. Nicht schüttelnd – wie beim Mittag – sondern nickend. Fast im Beat. Das Headbangen müssen wir allerdings nochmal üben. Singen kannst du ja, wie mir die Musiktherapeutin verriet. Auch wenn du und ich nie ein richtiges Wort wechselten.

Bitte bleib – nicht!
Nach fast zwei Monaten Aufenthalt verließt du uns. Ehrlich, wir waren traurig, denn wir hatten dich alle lieb gewonnen. Nach so langer Zeit mir dir, war es seltsam zum Mittag keinen Grießbrei zu bestellen. Nicht in dein Zimmer gehen zu können, um dir Gesellschaft zu leisten, nicht das dritte Paar Socken über deine immer eiskalten Füße zu ziehen.
Joshi! Wir vermissen dich, aber bitte komm‘ so schnell nicht wieder!
Deine Station D

*Namen und Daten der Patienten sind aufgrund des Datenschutzes abgeändert.

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