Männliche Erzieher: „Auch Mädchen spielen gerne Monster“

Feuerwehrmann, Pilot, Lokomotivführer. Zukunftswünsche kleiner Jungs umfassen eher selten soziale oder pflegerische Berufe. Und das spiegelt sich auch in der Statistik wider: In Bayern gibt es in Krippen und Kindergärten nicht einmal drei Prozent männliche Erzieher und Kinderpfleger. Das ergab kürzlich eine Recherche des Bayerischen Rundfunks. Bei der Rummelsberger Diakonie liegt der Anteil der Männer im frühkindlichen Bereich immerhin bei gut zehn Prozent. Maik Görtler ist einer von ihnen. Er arbeitet in der Krippe des RTL-Kinderhauses in Nürnberg. „Das Wichtigste ist, dass kleine Kinder einen guten Start ins Leben haben“, sagt er.

Der 41-Jährige hatte zunächst einen ganz anderen Beruf gelernt, der eher dem klassischen Rollenverständnis entspricht. Er absolvierte nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zum Bürokaufmann. „Ich war auf dem kaufmännischen Zweig an der Realschule. Und da war man eben schon in dieser Spur drin“, erklärt er seine ursprüngliche Berufswahl. Dabei hätte ihm die Arbeit mit Kindern eigentlich schon immer Spaß gemacht, ist er sich heute sicher. Die monotone Büroarbeit langweilte ihn schnell, eine Weile arbeitete er dann bei der Post. „Ein Beruf muss Spaß machen, man muss sich wohlfühlen“, sagt Görtler. Schließlich verbringe man einen Großteil seiner Zeit damit. Und so entschied er sich, seinen alten Beruf aufzugeben und die Ausbildung zum Erzieher zu machen. Seit 2010 hat er die staatliche Anerkennung als Fachkraft. Zunächst arbeitete er im Kindergarten, dann absolvierte er zusätzlich die Weiterbildung zum Kleinkindpädagogen und wechselte in die Kinderkrippe.

Erzieher Maik Görtler findet: „Ein Beruf muss Spaß machen, man muss sich wohlfühlen.“ Foto: Andrea Wismath

 

Sympathie entscheidet

„Wenn ich mich mit der Gitarre hinsetze, habe ich ganz schnell locker 15 Kinder um mich herum“, erzählt er und lacht. Das RTL-Kinderhaus arbeitet nach einem offenen Konzept, die Kinder können selbst wählen, wann sie essen oder welches Spielangebot sie annehmen möchten. Ob dann eher die kleinen Jungen an ihm hängen? „Nein“, sagt Maik Görtler entschieden, „das ist sympathieabhängig. Die Mädchen genießen es genauso, wenn ich mal das Monster spiele.“ Kinder bräuchten weibliche und männliche Bezugspersonen. Das ist auch Melanie Ketterer wichtig, Leiterin des RTL-Kinderhauses. „Ich bedaure immer sehr, dass so wenige Männer im frühkindlichen Bereich arbeiten“, sagt sie. Männer gingen anders mit Konflikten um, wirkten auch im Team ausgleichend. „Frauen sind oft sehr mütterlich, aber Kinder wollen sich auch auseinandersetzen.“ Unter den 19 Mitarbeitenden im Haus sind drei Männer. Bei den Eltern kommen die Erzieher gut an. „Sie freuen sich, wenn auch ein Mann in der Gruppe ist“, so Ketterer.

Diese Erfahrung bestätigt auch Maik Görtler. „Ich glaube, für Eltern ist es eher wichtig, ob jemand selbst Kinder hat, als welchem Geschlecht er angehört.“ Da hätten die meisten Mütter und Väter dann schnell das nötige Vertrauen, um ihre Kinder an die Erzieher und Kinderpfleger abzugeben. Maik Görtler hat drei Kinder. Das sorgt für eine gehörige Portion Vertrauensvorschuss der Eltern. Wer ihn mit den Kleinen beobachtet, kann das auch sofort nachvollziehen. Gelassen und mit ruhiger Stimme tröstet er einen kleinen Jungen, der ausgerechnet jetzt unbedingt mit dem Rutschauto fahren möchte, auf dem schon ein Mädchen seine Kreise durch die Gruppe zieht. Mit einem Applaus bestärkt er einen anderen Jungen, der gerade mit ein paar bunten Bauklötzen einen Turm gebaut hat. „Das hast du prima gemacht!“

Gehalt spielt eine Rolle

Dass die Arbeit in Krippen und Kindergärten immer noch eine Frauendomäne ist, hat mehrere Ursachen. „Ich denke, es ist ein Stück weit eine Geldfrage“, sagt Maik Görtler. Viele Männer sähen sich immer noch in der Rolle des „Ernährers“, der die Familie allein versorgen muss. „Für den Elementarbereich muss man sich bewusst entscheiden“, sagt der 41-Jährige. Denn in den meisten klassischen Männerberufen verdiene man deutlich besser. Außerdem gebe es hier keine großen Aufstiegsmöglichkeiten – abgesehen von der Leitung eines Kindergartens oder einer Krippe. Auch Weiterbildungen werden nicht mit mehr Gehalt honoriert.

Zusätzlich zu den finanziellen Aspekten, haben auch die immer noch weit verbreiteten Klischees ihren Anteil daran, dass sich nur wenige Männer für den frühkindlichen Bereich entscheiden. Der Beruf werde von vielen nicht wirklich ernst genommen, glaubt Maik Görtler. Kaffee trinken, ratschen und nebenbei die Kinder ein bisschen spielen lassen – so stellten sich immer noch viele Menschen die Arbeit in Kitas und Krippen vor. Mit seinem tatsächlichen Arbeitsalltag im RTL-Kinderhaus haben diese Phantasien aber nichts zu tun. Maik Görtlers Job besteht darin, die Kleinsten in ihrer Entwicklung zu fördern. Was viele für ein „notwendiges Übel“ halten – Wickeln und Füttern zum Beispiel – hat größte Bedeutung, weil sich bei diesen pflegerischen Tätigkeiten ganz viel vernetzt im Hirn der Kleinsten.

Seine Motivation im frühkindlichen Bereich zu arbeiten, könnte beispielhaft für andere Männer sein. „Bei kleinen Kindern habe ich den größten Einfluss, etwas gut zu machen. Selbst wenn die Bindung daheim nicht so gut ist, können wir da viel abfangen.“ Maik Görtler sieht jeden Tag, dass er Kindern hilft, ihr Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. „Wenn man eine bessere Zukunft will, muss man bei den Kindern anfangen.“ Vielleicht träumen dann bald mehr Jungen davon, später einen sozialen Beruf zu ergreifen.

Text: Rummelsberger Diakonie/Andrea Wismath

Azubine Maja

Veröffentlicht von

34 Jahre alt, Referentin Jugendkommunikation Online beim DW EKD

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